Ich komme in die Praxis. Die Räume kenne ich. Den Flur entlang, hinten links das Zimmer mit Monstera, Matratze und angefüllt mit Erfahrungen, kurz davor rechts die Küche, alles alte Bekannte. Ich begrüsse die Räume, sage im Geist „Hallo“ zu Albert Hofmann, der gerahmt an der Wand mir entgegenblickt. Das ist ein Ort, an dem ich mich sicher fühle, an dem ich erlebt habe, dass ich lebe, an dem ich Erfahrungen machen durfte, wie ich sie mir nie hätte träumen können.

Die Abläufe sind mir bekannt. Ich mache meinen Drogentest, lasse mir den Blutdruck messen, beantworte Fragen auf dem Papier und bespreche mich vor der Durchführung mit Markus.

Markus hat sich auch auf diesen Moment gefreut. Er hat sich ganz bewusst dazu entschieden, diese Studie als Arzt zu unterstützen und daran teilzuhaben. Die langen Tage in der Praxis während ich oder jemand anderes auf Reisen geht, das Begleiten, bereichere auch ihn, so erzählt er mir. Es erfüllt ihn mit Freude, wenn er erleben kann, wie ein verschlossener Mensch ohne Hoffnung sich öffnen kann und neue Perspektiven für sich entdeckt, wie Leben erwacht und Liebe zu fliessen beginnt.

Für ihn ist dies, sowie die enge Zusammenarbeit mit allen anderen an der Studie arbeitenden Ärzten, die Supervisionssitzungen, die Besprechungen, der Austausch eine sinnvolle Bereicherung seines Lebens. Hier kann er für sich Erkenntnisse schöpfen, die auch ihn anrühren. Ich für meinen Teil bin dankbar, dass ich es mit Markus als Begleiter so gut getroffen habe. Er ist mein Anker, wenn die Reise los geht und die Wogen hochschlagen.

Ich schlucke das Verum. Markus zeigt mir Blumen, die seine Frau für mich heute Morgen im Garten gepflückt hat. Sie stehen auf dem Tisch und leuchten bunt. Diese kleine Geste freut mich. Sie zeigt mir, dass es Menschen gibt, die an mich denken, dass ich nicht vergessen bin, dass ich es wert bin.

Für mich ist es jetzt Zeit, mich auf die Matratze am Boden zu legen. Mein Thema heute wäre dann „Loslassen“, so denke ich. Allerdings weiss ich nicht, ob LSD das auch denkt.

Ich nehme wahr, dass Musik im Raum ist. Markus muss sie ausgesucht haben. Die Musik ist schwarz. Sie tropft zäh wie Teer in mein Ohr und schmerzt mich fast körperlich. Jeder einzelne Ton ist dunkel und unheimlich. Ich begegne mir selbst. Ich bin klein. Da stehe ich, klein und zart neben mir und habe schreckliche Angst.

Und da stehe ich gross und hilflos und schaue herunter auf dieses kleine Kind. Ich frage, was denn so beängstigend sei. Da dreht sich das kleine Wesen in meine Richtung und drückt sich zitternd an mich.

Ich spüre die Angst des Kindes und in mir keimt der Wunsch auf, es zu trösten und zu schützen. Es ist die Aufgabe meines Lebens. Ich bin da, um dieses winzige, zerbrechliche und völlig verängstigte Kind zu halten und vor allem Bösen zu beschützen. Es ist, als hätte es nie eine andere Aufgabe für mich gegeben. Also fordere ich das Kind auf, sich zu trauen: „Schau hin, öffne die Augen und sieh. Ich bin doch da.“

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